ETWAS KLEINES
ETWAS UNSCHEINBARES KAM AUF DIE WELT:
DIESES KLEINE WESEN BEKAM DEN NAMEN
STEFAN 

Unser Kind ist nicht wie jedes andere.
Gott hat mir dieses Schicksal in die Hand gelegt.
Es war und ist immer noch eine große Aufgabe für mich.
Doch ich werde es schaffen, ich danke Gott jeden Tag aufs neue für die Kraft, die er mir gibt um dies zu bewältigen.
In jedem Kind ist ein Lächeln Gottes und ein tiefer Sinn verborgen.
Es gibt nur eine ganz selbstlose, ganz reine, ganz göttliche Liebe. Und das ist die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind.

" Wir können die Kinder
nach unserem Sinn nicht formen.
So wie Gott sie uns gab, so muß
man sie haben und lieben, sie erziehen
aufs beste und jeglichen lassen gewähren."

 

Mein Sohn heißt STEFAN und ist heute 11 Jahre alt.
STEFAN ist querschnittgelähmt.
Mein Mann und ich wurden ganz unerwartet mit dieser Krankheit konfrontiert.
Für uns war alles so fremd und unbegreiflich.

Jedes Kind, ob behindert oder nicht, hat seine Zukunft.

Es war der 19.Januar, mir platzte in den frühen Morgenstunden die Fruchtblase.
In der Schwangerschaft hatte ich an einem Schwangerschaftskurs teilgenommen und so blieb ich, dank der guten Vorbereitung ziemlich ruhig.
Von meinem Frauenarzt wußte ich, daß unser Kind immer noch in der Steißlage lag.
Mein Mann fuhr mich also kurze Zeit später in die Klinik. Eine Hebamme führte mich in den Kreißsaal.
Es wurde noch ein letztes Ultraschallbild gemacht.
Ich war zwar vorbereitet, doch etwas enttäuscht war ich doch über die Kaiserschnittentbindung.
Allerdings beunruhigte mich etwas ganz anderes. Das Gesicht des Arztes wurde immer nachdenklicher. Ein dunkler Schatten am Kopf des Kindes!
Es wurde sogar noch ein Kinderarzt befragt.
Nur mich klärte niemand auf, angeblich sollte ich ruhig in die Narkose gehen.
Kurze Zeit später, es waren die schlimmsten Minuten für mich. Mein Mann durfte nicht mit in den OP.
So viele fremde Menschen, alle in grünen Kitteln.
Ich lag ganz allein unter dieser riesigen Lampe, allen völlig ausgeliefert.
Sie würden mein Kind zuerst sehen, mein Kind in fremden Armen.
Ist es für eine Mutter nicht das Schönste und Größte nach 9 Monaten Schwangerschaft, ihr Kind auf dem Bauch liegen zu haben und es zu streicheln?
Ich weiß gar nicht mehr wie lange alles gedauert hat. Es kam mir jedenfalls vor wie eine Ewigkeit.
Ich wurde wieder in einem anderen Raum wach, wieder andere Menschen.
Ein Pfleger sagte nur zu mir trocken, daß ich einen gesunden Jungen bekommen habe.
Ich kam mir so alleine vor. Ich hielt mich mit aller Kraft wach. Ich wollte doch nun endlich mein Kind sehen.
Wenn ich doch nur hätte weglaufen können. Ich war so schlapp und müde.
Nach einiger Zeit kam ich endlich wieder in mein Zimmer. Warum bekam ich mein Kind nicht? Wo war mein Mann? Langsam wurde ich sauer! Hatte ich hier nichts geleistet? Gratuliert mir keiner?
Nach Stunden war es endlich soweit, ich sollte die furchtbare Wahrheit erfahren.
Mein Mann kam mit einigen Ärzten ins Zimmer. Alle machten ein Gesicht wie auf einer Beerdigung.
Ich versuchte in ihren Gesichtern zu lesen. Ganz vorsichtig brachte ich die Frage über die Lippen:
Was ist mit unserem Kind? Mein Mann fing an zu weinen und versuchte mir zu erklären.
Ich lag fassungslos in meinem Bett, alle starrten mich betroffen an. Die Ärzte wollten eine Entscheidung von mir.
Unser Sohn hatte eine offene Stelle am Rücken.
Binnen der nächsten Stunden sollten wir in eine OP einwilligen oder nicht. Man sagte uns nach einer OP würde unser Kind schwer geistig- und körperlich behindert sein. Und wenn wir nicht operieren stirbt er.
Was verlangte man von mir? Ich sollte über das Leben eines Kindes, meines Kindes entscheiden ohne es überhaupt gesehen zu haben?
Dann ließ man uns allein. Wir sollten in Ruhe aber bitte schnellstens über unser Kind nachdenken und entscheiden.
Unser Kind, ich konnte es nicht einmal ansehen oder anfassen, lag weit weg in einer anderen Klinik.
Ich konnte ihm nicht helfen und bei ihm sein.
Keiner wollte mich zu ihm bringen.
Stattdessen bot man mir auch noch Valium an. Das ganze war wirklich eine Zumutung.
Einen klaren Gedanken fassen, über ein Menschenleben entscheiden, mit Valium? Nein!
Mein Mann und ich dachten wohl immer wieder dasselbe. Keiner von uns traute es sich auszusprechen. Wie gerne würden wir unser Kind behalten. Aber sollten wir ihm so ein Leben zumuten?
Eine große Stütze für uns beide war ein Pfarrer im Krankenhaus. Wir werden nie vergessen, was er für uns getan hat. Er war einfach da und hat uns zugehört.
Nachmittags fuhr mein Mann zu unserem Kind ins andere Krankenhaus. Ich blieb allein zurück und konnte weinen und beten:

"Lieber Gott, mach bitte alles wieder rückgängig, laß unser Kind gesund werden. Es kann doch nicht dein Wille sein, daß Stefan nach so kurzer Zeit wieder von uns gehen soll."

Die Tür ging auf und meine Hebamme brachte mir eine kleine Polaroidaufnahme. Mein Kind!
Es war das Schönste für mich. In der ganzen Hektik hatte sie dieses Bild für mich gemacht.
So klein und winzig, ein süßes Baby. Was sollte mit diesem Kind nicht stimmen?
Nach einigen Stunden kam mein Mann völlig fertig aus der anderen Klinik zurück. Das Gespräch dort mit dem Arzt muß wohl furchtbar gewesen sein.
Ihm wurde wohl nur gesagt, daß wir ja so ein behindertes Kind auch in ein Heim geben könnten. Wie geschmacklos!
Dort sollte er operiert werden? Wir waren uns einig. Unser Kind sollte sofort zurückverlegt werden. Keine Minute länger sollte Stefan bei diesen Menschen bleiben.
Ein Rücktransport wurde für den nächsten Tag organisiert. 
Stefan war wieder da! Mein Mann und ich wurden abgeholt und zur Kinderintensivstation gebracht. Ich zitterte an Hand und Fuß. Ich konnte es gar nicht fassen. So klein lag es da in seinem Bettchen. Ich bekam ihn in den Arm gelegt. Das erste Mal! Ich traute mich kaum zu atmen. Was sollte an diesem Kind anders sein?
Leider konnte ich nicht lange bleiben, ich fühlte mich noch zu schwach. Am liebsten wäre ich gar nicht mehr weggegangen.
Am Abend nahm sich der Chefarzt der Klinik Zeit für uns. Es war ein erlösendes Gespräch.
Als wenn er meine Gedanken gelesen hatte. Es war ein ganz ruhiges Gespräch. Er klärte uns richtig über diese Krankheit auf. Aber menschlich und setzte uns nicht unter Druck.
Mein Mann und ich waren uns einig, ohne Worte.
Von jetzt an hieß es : Wir kämpfen für unser Kind.
Der kleine Stefan soll leben!
Wir unterschrieben die Einwilligung zur OP.
Diese wurde allerdings erst für den 25.01.geplant.
Bis dahin mußte die Wunde ganz steril gehalten werden. Stefan wurde ohne Kleidung in einen Inkubator gelegt.
25.01.
In der Nacht hatte ich kaum geschlafen. Stefan sollte schon um 7.00 Uhr in die andere Klinik gebracht werden. Ein Kinderarzt begleitete ihn und wollte auch während der OP dabei bleiben. Das beruhigte mich etwas.
Aber trotz allem hatte ich Angst um mein Kind. Schafft so ein kleines Herz die Narkose?
Ich habe Gott angefleht, er möge meinem Kind ganz viel Kraft geben.
Und er hat mich erhört, denn schon um 12.00 Uhr kam der erlösende Anruf. Unser Sohn hat alles überstanden. Er sollte leben, es war Gottes Wille!
26.01.
Ich habe heute Geburtstag und gleichzeitig ist heute mein Entlassungstag.
Mein Mann kam um 11.00 Uhr und gemeinsam wollten wir noch auf unser Kind warten, das gegen Mittag zurück erwartet wurde. Nach zwei Stunden war es dann so weit. Stefan wurde in einem fahrbaren Inkubator aus dem Augzug geschoben.
Ich mußte mich bei meinem Mann festhalten, so einen Schrecken habe ich bekommen.
Stefan sah so verändert aus. Der kleine Kopf war unter einem Verband versteckt. Was muß dieser kleine Körper durchgemacht haben. Aber er hatte durchgehalten!
Wir waren echt stolz auf unser Kind!
Sollte es jetzt doch bergauf gehen?
Es war ein furchtbares Gefühl für mich, das Krankenhaus ohne mein Kind zu verlassen. Ich durfte jetzt nur noch zu jeder Stillzeit zu ihm.

28.01.
Diesen Tag werde ich in meinem Leben nicht vergessen. Es war ein Samstag und ich fuhr mit meinem Mann in die Klinik. Es war gerade Visite.
Ich bekam einen Schrecken, als ich Stefan sah. Er war kalkweiß, total ohne Farbe.
Ich bekam von der Ärztin mitgeteilt, Ich solle doch jetzt ein wenig auch an das Kind denken. Der Junge quält sich und ich darf nicht egoistisch sein. Ich solle ihn gehen lassen.
Diese Worte klingen heute noch in meinen Ohren.
Stefan hatte nach dieser schweren OP eine Hirnhautentzündung bekommen.
Sein Leben sollte zu Ende gehen. Ich wäre fast zusammengebrochen. ich konnte es nicht fassen. Bitterlich habe ich geweint und flehte Gott immer wieder an.
Noch am gleichen Tag ließen wir Stefan taufen. Es war ein kleiner Trost für mich. Es war selbst für den Pfarrer nicht leicht in dieser Situation die richtigen Worte zu finden. Es war eine sehr traurige Taufe.
Ich liebe mein Kind! Warum, Gott, willst du es mir wieder wegnehmen?
Wie kann ich dir nur helfen, kleiner Stefan?
Stefan zuckte am ganzen Körper, er hatte Krampfanfälle. Die Ärzte stellten den Sauerstoff ab!
Mein Mann überredete mich mit nach Hause zu fahren. Die Schwestern sollten uns benachrichtigen, wenn es ihm noch schlechter ging.
Ich legte mich zu Hause auf die Couch und weinte. Ich flehte Gott im stillen Gebet an: Bitte, gib ihm Kraft, laß ihn überleben.
Abends hielt ich es nicht mehr aus. Mein Mann fuhr mit mir in die Klinik. Ich traute meinen Augen nicht was ich dort sah.
Mein Kind lag rosig im Inkubator. Eine Schwester winkte mir schon von weitem. Stefan hatte den Kampf gewonnen.
"Lieber Gott, ich danke Dir"

Von diesem Tag ging es unserem Kind immer besser. Am 06.März  wurde unser Kind nach Hause entlassen.
Heute ist Stefan 11 Jahre alt und ein sehr fröhliches und zufriedenes Kind.
Wir sind so glücklich, daß wir ihn haben. Er hat uns unheimlich reich gemacht!

Nie werde ich diese schwere Zeit in meinem Leben vergessen. Der Kampf um mein erstes Kind.
Er hat mich in meinem Glauben unheimlich bestärkt.