Die Sterbeklinik

 

Eine Zukunftsvision, die hoffentlich niemals Realität wird

 

Brüsk wandte sich der Professor um und schaute die drei Herren an.

 

 Dann lief er im Zimmer auf und ab und sagte ihnen: "Meine Herren,

 

was wollen Sie. Sie befinden sich hier in einer Sterbeklinik.

 

 Hier, bei uns, wird gestorben." Die drei Herren saßen um den runden Tisch

 

 eines gut möblierten Zimmers. Alles war höchst vornehm eingerichtet.

 

 An der Wand hing ein schönes Landschaftsgemälde und gegenüber zwei

 

 Bilder aus der Renaissancezeit. Zwei florentinische Adlige und eine junge Frau.

 

 Das Ganze machte den Eindruck eines sehr seriösen Institutes. Entsprechend verhielt

 

 sich auch der Direktor dieses Institutes, Herr Professor Fatal. Die drei Herren,

 

 die um den runden Tisch saßen, waren Journalisten aus verschiedenen Erdteilen.

 

 Die erste Frage an den Direktor lautete: "Wie viele Patienten bewältigt

 

 Ihre Klinik pro Woche?" Professor Fatal antwortete: "Etwa fünfzig.

 

 Wenn Sie es genau wissen wollen, achtundvierzig. Tageskapazität acht.

 

" Herr Rush vom "New Morning" (Australien): "Sie töten also acht

 

 Menschen pro Tag?" Der Professor: "Meine Herren, Sie befinden sich hier

 

 in einer Sterbeklinik. Ich würde das so nicht formulieren. Ich würde sagen,

 

 in unserem Haus werden täglich 8 Menschen erlöst."

Herr Häberli vom "Berner Umblick" (Schweiz): "Also ein Rettungs-,

 

 beziehungsweise ein Erlösungsinstitut sind sie?"

 

Der Professor: Ja, unter diesen Prätexten sind wir angetreten.

 

 So wurde die Klinik geplant. Wenn Sie nun mit mir gehen, will ich Ihnen das

 

 anhand der Gebäude deutlich aufzeigen. Darf ich also bitten!

 

" Die Herren standen auf, nahmen ihre Mappen und verließen den Raum.

 

 Sie traten in eine große Empfangshalle. Der Boden war mit schwarzem

 

 Marmor ausgelegt. Gedämpftes Licht, das von farbigen Fenstern wie

 

 in einer Kathedrale hereindrang, erfüllte den Raum. Ein Treppenhaus,

 

 das spiralförmig nach oben führte, war mit kunstvollen Leuchtkörpern ausgestattet.

 

 Das Ganze atmete höchste Eleganz. Die Schwestern, die den Journalisten

 

 begegneten, waren dezent in einem hellen Rosarot gekleidet und trugen ein

 

 adrettes Häubchen. Die Pfleger und Ärzte erschienen in einem hellen Grau

 

 und waren durch Namensschilder gekennzeichnet. Ihr Gang war würdevoller

 

 als in den übrigen Krankenhäusern. Ihre Kleidung sehr sauber.

"Meine Herren, hier entlang," sagte Dr. Fatal zu den begleitenden Journalisten.

 

 Nachdem sie den Gang durchschritten hatten, gelangten sie in einen Raum,

 

 der auf ebener Erde lag. Der Professor erklärte: "Dies ist das Sterbezimmer Nr. 1,

 

 und wie dieses haben wir noch zwei andere. Die Größe der Räume

 

 ist verschieden. Es gibt Patienten, die es vorziehen, in Gemeinschaft

 

 zu sterben. Andere bevorzugen ein Einzelzimmer. - Alle Patienten werden bestens

 

 versorgt und betreut. Sie erhalten jede humane Begleitung, die sie sich

 

 wünschen, sei es ein Pfarrer oder sei es ein Psychiater." Das Sterbezimmer

 

 war nicht allzu groß. Drei bis vier Betten hätten darin Platz finden können.

 

 Die Fenster gaben einen Blick in eine Gartenlandschaft frei, die von einem

 

 beginnenden Wald eingegrenzt wurde. Draußen befand sich ein gepflegter Rasen,

 

 kleine Statuen, ja, man hatte sogar ein kleines Tempelchen errichtet.

 

 Alles in allem, eine paradiesische Landschaft.

Der Professor wandte sich wieder seinen Gästen zu und sagte: "Dieser Raum

 

 hier ist für die Kranken, die nicht mehr gehen können und bettlägerig sind.

 

 Wir fahren die Betten herein, nachdem ihnen ihre letzten Wünsche erfüllt

 

 wurden und sie sich von ihren Angehörigen verabschiedet haben.

 

 An den Wänden leuchten herrliche Farbdias, und klassische Musik oder

 

 nach Wunsch eine andere ertönt im Raum. Der Patient bekommt eine

 

 leichte Betäubungstablette und hernach zieht sich das Personal zurück.

 

 Geruchloses Gas strömt in den Raum. Es schläfert die Patienten

 

 zunächst ein. Bei stärkerer Dosis verlassen sie dann ihre irdische Existenz

 

 und schlafen sanft hinüber. Natürlich können wir auch den

 

 Tod mittels Spritzen oder Medikamente herbeiführen. Alles wird

 

 ganz nach Wunsch des Patienten oder seiner Familie ausgeführt,

 

 - oder, wenn so nicht möglich, übernimmt der Staat diese Aufgabe.

Herr Häberli von der Schweiz bemerkte: "Habe ich das richtig verstanden,

 

 Herr Direktor: auf Wunsch der Familie oder mit Bescheinigung

 

 des Staates? Geht Ihre Euthanasie weiter als nur "auf Verlangen

 

 des Patienten"? Bestimmt hier die Familie und der Staat über den Tod

 

 eines Menschen durch Euthanasie? Haben Sie bereits eine Fremdbestimmung

 

 eingeführt? Erlöst der Mensch sich selbst oder wird er erlöst?" Der Professor

 

 sagte: Ja, Sie haben richtig verstanden. Die Selbstbestimmung war nur der

 

 erste Schritt auf dem Weg zur Euthanasie. Jahre später nach heftigen

 

 Debatten im Parlament, folgte dann der zweite Schritt, die Fremdbestimmung

 

 durch die Familie. Und noch einmal Jahre später, nachdem auch das

 

 eingeübt war, erfolgte die Fremdbestimmung durch den Staat. Es ist doch

 

 selbstverständlich, meine Herren, dass man Familien von einer

 

 "unzumutbaren Last" befreien muss, wenn sie sich selbst nicht helfen können.

 

 Auch muss man den Staat und vielleicht auch die Krankenkassen verstehen,

 

 wenn er leidende Personen, die ihn auf die Dauer nur schwerer belasten

 

 und von denen er keinen Nutzen hat, von ihren Gebrechen erlöst."

Unter den drei Journalisten war auch ein Inder von New Delhi, der der

 

 dortigen Zeitung "Indian Post" angehörte und sich Raju Madani nannte. Er sagte:

 

 "Darf ich an Sie eine Frage richten, Herr Doktor Fatal?" "Ja, bitte", sagte der Arzt.

 

 "Ich habe während meines Studiums gelesen, dass damals, 1976,

 

 das Abtreibungsgesetz in Ihrem Land mit dem Stichwort "unzumutbare Last"

 

 begründet wurde. Ich habe gelesen, dass dies Ihr oberster Gerichtshof so

 

 festgelegt hat. Der Text lautet, soweit ich das noch im Gedächtnis habe:

 

 "Der Staat könne von der Bestrafung der Abtreibung dann absehen,

 

 wenn das Kind für die Frau eine unzumutbare Last darstellt." Meine Frage

 

 ist die, wurde für die Euthanasie dieser Begriff der "unzumutbaren Last"

 

 übernommen?"

 

Professor Fatal: "Selbstverständlich, mein Herr! Nachdem die

 

 Euthanasie im Parlament diskutiert worden war und sich grundsätzlich

 

 keine Einwendungen erhoben, - weder moralisch, noch sozial, noch religiös,

 

 - musste eine Formel gefunden werden, die einer staatlichen Rechtsprechung

 

 Genüge leistete. Was lag darum näher, als die schon vorhandene Formel

 

 der "unzumutbaren Last" auch für die Euthanasie anzuwenden?

 

 Denn schließlich wird in unserem Sterbehaus nicht illegal vorgegangen.

 

 Es muss alles wohl geordnet und von der Krankenkasse bezahlt werden.

 

 Dazu braucht es staatliche Gesetze, und es braucht aber auch

 

Schlüsselbegriffe wie sie der oberste Gerichtshof festlegt oder festlegen kann.

 

 Um diese Begriffe hat das damalige Parlament gerungen."

Herr Madani: "Ich habe gehört, verehrter Herr Professor, dass das damalige

 

 Abtreibungsgesetz sehr willkürlich gehandhabt wurde. Selbst die Parteien

 

 haben später zugegeben, dass die Indikationen, vor allem die Notlagenindikation

 

 verheerende Folgen hatte und sehr vielen ungeborenen Kindern das Leben

 

 gekostet hat. Dann aber wurden gesetzlich alle Indikationen abgeschafft

 

 und Abtreibung wurde praktisch auf Wunsch getätigt. Wieder später war

 

 es das "Do-it-your-self-Verfahren". Die Frau erledigte ihre Abtreibung

 

 in ihrem eigenen Schlafzimmer. - Ihr Volk gelangte damals bis an den Rand

 

 des Ruins, zumal eine große Zahl von fremden Völkern in das Land

 

 eingeströmt war, um das Säuglingsvakuum ihres Volkes zu ersetzen.

 

Eine Selbstbesinnung trat erst ein, als sich die Einwohnerzahl Ihres Volkes

 

 um Millionen verringert hatte. Es war ein böses Erwachen. Erst später

 

erkannte man, dass das Urteil Ihres Bundesverfassungsgerichtes, in welchem

 

 der Lebensschutz für das ungeborene Kind vordem Selbstbestimmungsrecht

 

 der Schwangeren grundsätzlich Vorrang genießt, durch die

 

Notlagenindikation praktisch aufgehoben wurde. Es war damit rechtsundwirksam

 

 und erwies sich als eine makabre Lüge mit schweren politischen Konsequenzen.

 

 Ihr Volk wurde existenziell getroffen. War nicht das, Herr Professor Fatal,

 

 was damals geschah, inhuman? Und ist das, was Sie hier in der Sterbeklinik

 

 betreiben, nicht ebenfalls inhuman, und zwar im höchsten Grad?"

Die Herren hatten in der Zwischenzeit einen weiteren Sterberaum betreten.

 

 Dieser war für Personen bestimmt, die noch ganz im Vollbesitz ihrer Kräfte standen.

 

 Es war ein möbliertes Zimmer mit vornehmer Couch, angenehmen Sesseln, schlanken

 

 Gardinen und schönen Gemälden. Ein dekorativer Kronleuchter,

 

 der in der Mitte des Raumes hing, verlieh dem ganzen eine gewisse Feierlichkeit.

 

Professor Fatal sagte: "Meine Herren, wie können Sie hiervon Inhumanität

 

 sprechen? Wir tun alles, was wir unseren Patienten tun können. Unsere Pfleger

 

 und Pflegerinnen sind angewiesen, ihnen den letzten Wunsch von den

 

 Augen abzulesen. Sie bekommen das beste Essen und beste medizinische

 

 Betreuung, können sich von ihren Angehörigen verabschieden und werden,

 

 um den Übergang leichter zu schaffen, mit Psychopharmaka versorgt.

 

Wir ersparen ihnen Leid und Siechtum, - und hier in diesem Raum mit

 

den schönen Clubsesseln treffen sie sich, um in einem angenehmen und regen

 

 Gespräch so lange zu verharren, bis das geruchlose Gas sie einschläfert.

 

 - Nach ihrem Tod werden sie sauber hergerichtet, bekommen ihre Särge,

 

 werden durch die Beerdigungsinstitute mit Blumen versehen.

 

Dann können sie von ihren Angehörigen abgeholt werden.

 

 Meine Herren, das ist eine saubere Sache, das ist dank unserer

 

 modernen Fortschrittlichkeit höchste Humanität.

"Nicht so, Herr Professor," sagte der Schweizer Häberli. "Wer hier stirbt,

 

 wird getötet, also umgebracht. Wenn Sie den Befehl geben, das Gas

 

 einfließen zu lassen, sterben in diesem Raum Menschen, die im Vollbesitz

 

 ihrer Kräfte sind. Es widerspricht doch jeder menschlichen Logik, dem

 

 Empfinden unseres Herzens und unseren Gefühlen, diese Menschen

 

 umzubringen. Alle Religionen sagen, dass der Mensch als ein

 

 geschaffenes Wesen einen Schöpfer hat und darum nicht über sich

 

 selbst verfügen kann.

 

"Das empfinde ich auch so," sagte Herr Rush vom "New Morning".

 

 "Was ist das für eine Tötungsfabrik? In der Frühe gehen lebendige

 

 Menschen hinein, und am Abend werden sie auf dem Fließband als Tote

 

 hinausbefördert. Wer befiehlt denn eigentlich dieses Morden?"

Professor Fatal: "Der Kunde befiehlt, und die Firma erfüllt ihren Auftrag.

 

 Die Nachfrage reguliert das Angebot. Warum werfen Sie uns hier

 

Ungereimtheiten vor. Ich habe Ihnen schon erklärt, das ist eine saubere

 

 Sache. Schon die alten Römer haben gesagt: Tatet exitus", das heißt "

 

der Ausgang steht offen". Und es bleibt eine freie Gewissensentscheidung,

 

 darüber zu verfügen, ob man sterben oder weiterleben möchte."

 

"Wie komisch!", sagte der Schweizer Journalist. "Da ist zum Beispiel

 

 ein Vater, der vier Kinder und eine Frau zuhause hat. Plötzlich fällt

 

 es ihm ein, zu sterben. Er kommt zu Ihnen, setzt sich in den Clubsessel,

 

 bis Sie das geruchlose Gas einströmen lassen. Die Frau aber und ihre Kinder

 

 haben keinen Vater mehr. Und Sie sagen, das ist eine saubere Sache."

 

"Oh nein", sagte Professor Fatal, "wer zu uns kommt, braucht

 

selbstverständlich eine Indikation und einen Beratungsschein. So einfach

 

 erlaubt der Gesetzgeber das Sterben nicht. Wir können den Euthanasiewunsch

 

 nur erfüllen, wenn die staatliche Genehmigung vorhanden ist. Allerdings ist

 

 im Kanton Zürich (Schweiz) Beihilfe zum Selbstmord bereits nicht mehr strafbar.

 

 Dort legt man dem Selbstmordpatienten das Selbstmordmittel aufs Nachttischchen

 

 und schaut zu, wie er es verschluckt."

 

"Wie bitte", sagte der Inder, "Sie brauchen also eine Indikation und eine Beratung,

 

 bevor Sie jemand töten dürfen? Das heißt, Sie besitzen in Ihrem Archiv zwei

 

 Dokumente die bestätigen, dass der Euthanasieantragsteller ordnungsgemäß

 

 alle Büros durchlaufen hat, um seinen Antrag durchzusetzen."

 

"Nicht ganz so, aber so ähnlich," erwiderte der Leiter der Sterbeklinik.

 

"Dann stimmt es. Wir haben Gesetze, und nur nach diesem kann er sterben.

 

 Stellen Sie sich vor, jemand hat seine Sterbeproblematik dargelegt und hat

 

 trotz Hilfeangebote mit bestem Wissen und Gewissen seinen Tod gewünscht,

 

 so ist und bleibt das seine freie Entscheidung. Stellen Sie sich vor, der

 

Antragsteller spricht vor meinem Kollegen, einem Arzt, von der "Last"

 

seines Lebens und mein Kollege unterschreibt, so haben wir laut staatlicher

 

 Gesetzgebung die Pflicht, seinen Wunsch zu erfüllen. Meine Herren,

 

das ist nicht nur eine saubere. Sache, das ist geradezu korrekt."

 

"Und die Unheilbaren?", fragte Herr Rush. "Ja, für die Unheilbaren?

 

 Für sie haben wir einen Vormund. Dieser Vormund wird bestimmen müssen,

 

 ob die Zeit dieses Menschen abgelaufen ist und ob die gesetzlichen Bedingungen

 

 erfüllt sind, ihn in die Euthanasieklinik einzuliefern wie zum Beispiel in Holland

 

 bei denen, die "demens" sind oder an "Alzheimer" leiden."

 

"Und die Alten?", fragte der Australier weiter, jene Alten, die nicht

 

mehr für sich selbst entscheiden können?"

Professor Fatal antwortete: "Sehr einfach, mein Herr: die Familie entscheidet.

 

 - Die Kinder müssen in einem Familienrat darüber verfügen, ob die Eltern

 

 noch weiterleben können, oder ob der gegenwärtige Zustand für sie eine "Last"

 

 wird. Tritt letzteres ein, und wird es durch die Beratungsstelle und den

 

 indizierenden Arzt bestätigt, dann können wir die alten Menschen hier

 

 in dieser Sterbeklinik erlösen." "Auch gegen ihren Willen?", fragte entsetzt

 

 der Reporter vom "New Morning".

"Ja, auch gegen ihren Willen," erwiderte Professor Fatal.

In der Zwischenzeit hatten die vier Herren ein kleines Zimmer mit zwei Betten

 

 betreten. Es war wie alle Zimmer in diesem Haus sehr hübsch eingerichtet

 

 und strahlte von Sauberkeit. Blumen schmückten den Raum. An jedem Bett

 

 saß eine Pflegerin, die dem Kranken, dem Sterbekandidaten, aufmerksam zuhörte.

 

 Sie sprach ihm sanft zu, tröstete ihn und versuchte seine Wünsche zu erraten.

 

 Nachdem die Herren einen Augenblick im Zimmerverweilt und sich vor

 

 den Kranken verneigt hatten, gingen sie wieder hinaus.

"Sie sehen, meine Herren," sagte Dr. Fatal, "das oberste Gebot unseres

 

 Hauses heißt Reinlichkeit, Freundlichkeit und liebenswürdiges Personal.

 

 Selbstverständlich wird unser Personal gut bezahlt und bekommt lange Ferienzeiten.

 

 Sie werden, wie das üblich ist, zu psychotherapeutisch geleiteten Gruppensupervisionen

 

 zusammengerufen, damit angestaute Norm- und Identitätskonflikte

 

 bearbeitet und ertragbar gemacht werden können."

"Aber das ist doch reine Gehirnwäsche, Herr Professor," sagte Herr Madani

 

 von New Delhi. Sie betreiben, lassen Sie mich das mit ungewöhnlichen Worten sagen, - sie

 

ermorden Menschen mit Glacehandschuhen und ausgesuchter Höflichkeit."

 

 Herr Häberli fügte hinzu: "So ist es. Aber, was machen Sie denn mit alten Leuten

 

 oder mit Geisteskranken, die zu schreien anfangen und Tobsuchtsanfälle bekommen?"

 

 "Aber mein Herr, das ist doch heute kein Problem mehr," erwiderte Dr. Fatal.

 

 "Wir haben Räume im Keller, die schalldicht sind. Darüber hinaus werden die

 

 Kranken mit Psychopharmaka und Beruhigungsmitteln behandelt.

 

 Eine Spritze genügt und sie sind wieder friedlich wie kleine Kinder.

 

 Darum kann man auch hier nicht von Inhumanität reden, sondern wir erweisen

 

 ihnen nur Wohltaten."

Nach ihrem Rundgang durch die Klinik traten die Herren ins Freie,

 

 um noch einen Augenblick den wunderschönen Park zu betrachten.

 

 Er war bestens angelegt, und man sah Gärtner, die den Rasen pflegten oder

 

 die Blumen richteten. Die Sterbeklinik sah aus wie eine prächtige Villa,

 

 vielleicht etwas zu groß geraten, aber hübsch sich einfügend in die Landschaft.

 

 Über allem liegt eine breite Stille. Ab und zu fährt ein Auto vor. Menschen

 

 steigen aus, Männer und Frauen. Sie kommen mit sehr kleinen Köfferchen.

 

 Denn was sie im Sterbehaus brauchen, finden sie dort vor. Wenn sie

 

 hinausgetragen werden, brauchen sie das Köfferchen nicht mehr.

 

 Am Abend, bevor sie in ihre Heimatländer zurückflogen, trafen sich die

 

 drei Journalisten in einem der städtischen Wirtshäuser. Über ihren Gesichtern

 

 lag noch immer das große Erschrecken über das, was sie gesehen

 

und gehört hatten. - Sterbehäuser! Tötungskliniken! - Pillen,

 

 die tödliches Gift enthalten! - Spritzen, die Menschen den Tod bringen!

 

 - Gas, das einschläfert und hernach tötet!

Das alles lag in einer Atmosphäre steriler Sauberkeit, mit Blumen,

 

 mit freundlichem Personal, mit wunderschönen Räumen, mit Musik

 

 und am Schluss mit geschmückten Särgen. Fehlte noch der Pfarrer, der das Wort

 

 hätte sprechen müssen: "Wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern ziehen

 

 zu einem ewigen Haus, das nicht von dieser Welt ist."

 

Doch diese Männer sahen auch das andere: Sie sahen, wie das Volk unter den

 

 tödlichen Messern einer furchtbaren Gesetzgebung verblutet.

 

 Sie sahen, wie die Tötungsmentalität die Gehirne dieser Menschen umwandelt.

 

 Die Eltern haben Angst vor ihren Kindern. Die Kinder haben Angst vor ihren Eltern.

 

 Der Australier sagte: "Können Sie sich vorstellen, meine Herren, dass in diesem

 

 Land noch ein natürliches familiäres Verhältnis vorhanden sein kann?"

Herr Häberli: "Nein, - Wenn ein Vater alt geworden ist, so wird er sich ständig fragen,

 

 wann es Zeit ist, die Todespille zu nehmen. Er fragt sich, wann die Sterbeklinik

 

 für ihn fällig sei. Wenn eine alte Mutter krank geworden ist, liegt ein psychischer

 

 Druck über ihr. Kann ich meine Krankheit den Kindern noch zumuten?

 

 "Der Sohn hat Angst," so sagte der Inder, "die Mutter könnte denken,

 

 er wolle, dass sie ins Sterbehaus ginge. Die Tochter wagt nicht, ihre Eltern zu besuchen,

 

 um der bangen Frage auszuweichen. Jedermann denkt, man könne denken,

 

 wie alle Welt denkt: Verschwinde!" Ja," sagte der Australier, Herr Rush.

 

 "Wenn eine Familie ein krankes Kind hat und es liebevoll pflegt, geben sie damit

 

 ihrem Leben einen Sinn und erfüllen Gottes Gebot. - Aber die Nachbarn sagen,

 

 warum eigentlich? Warum bringt man das Kind nicht in die Sterbeklinik?"

Herr Häberli fügte hinzu: "Wenn jemand einen schweren Unfall gehabt hat,

 

 verkrüppelt oder sonst wie geschädigt und pflegebedürftig ist, dann weiß er,

 

 dass der Staat mit seinen Vormündern über sein Leben verfügt Die bohrende Frage,

 

 bin ich eine "Last", lässt ihn nicht mehr schlafen. Ob diese Menschen dann wollen

 

 oder nicht: Sie müssen in einer hübschen Sterbeklinik, umgeben von Blumen,

 

 von Musik und von freundlichen Wärtern, sterben. - Hinter der freundlichen

 

 Maske steht die unausweichliche Brutalität: Du musst sterben!

 

 Du wirst getötet! Wer Kann dieser tödlichen Logik entgehen? Wer kann

 

 dem sausenden Rad einer solchen Maschinerie entlaufen? Der Mensch fällt

 

 in die Hände des Menschen. Aber bereits der König David sagte zum Propheten:

 

 Lass mich nicht in die Hände von Menschen fallen!" Rajü Madani sagte:

 

 "Der Mensch ist für Gott und das göttliche Gesetz blind geworden.

 

 Er verliert seine Seele, seine Prüfung, seine Reinigung. Eine materialistische

 

 Welt wird von einer fatalen Ideologie getragen: Von der Ideologie der

 

"unzumutbaren Last". Das Geschöpf, das weder seine Zeugung noch seine Geburt

 

 bestimmen konnte,, sondern als Gerufener in diese Welt hineintrat, maßt sich nun

 

 das Recht an, über sein Ende selbst zu verfügen.

Der Mensch stößt eigenmächtig die Türe zu, die er bei seinem Eintritt nicht

 

 aufstoßen konnte. Doch! Was wird der Herr antworten? Was wird er denen sagen,

 

 die die Türe selbst zugestoßen haben?

Und wie wird die Menschheit eines Tages mit denen abrechnen,

 

 welche die anderen kaltblütig mit hübschen Blumen in den Tod getrieben haben?"

 

 Sie waren sich alle drei einig, dass diese Euthanasie nicht nur eine Inhumanität

 

 und die dunkle Kultur des Todes beinhaltete, sondern ein Verbrechen war,

 

 ein Verbrechen an der Menschheit. Hier wurden Gottes Gebote mit Füßen getreten,

 

 genau wie bei der Abtreibung, dem Kindermord im Mutterschoß.

Sie beschlossen, bei der Rückkehr in ihre Nationen, offen dafür zu kämpfen,

 

 dass diese unfassbare Kultur des Todes" ein Ende nehme. Die Ideologie von der

 

 "unzumutbaren Last", sei es die Last, die man sich selbst ist, sei es die Last,

 

 die man anderen aufbürdete, musste beseitigt werden. An ihre Stelle gehörte das

 

 Wort von der Liebe und dem Gehorsam. Liebe zu Gott und den Menschen,

 

zu Bruder und Schwester, Kind und Greis. Gehorsam gegen Gottes

 

 Gebot und vor den Grundgesetzen des Menschen. Nur so kann

 

 Menschenverachtung, Gewalttätigkeit und Inhumanität überwunden werden.