JENSEITS DES

 TIEFVERSCHNEITEN WALDES
 


Jenseits des tiefverschneiten Waldes trafen sich am Beginn

 der Adventzeit die Liebe, die Zufriedenheit, der Traum

 und die Weisheit. Die Weisheit hatte diese wichtige

 Versammlung einberufen. Die Liebe war in ihrem

 besten roten Kleid erschienen und neben dem weiten

 Sternenmantel des Traumes wirkte das bescheidene Kleid

 

 der Zufriedenheit ganz glanz- und wertlos.

 

"Es freut mich, daß ihr alle so pünktlich erschienen seid",

 sprach die Weisheit, die diese seltsame Versammlung

 einberufen hatte. Im tiefverschneiten Wald herrschte

 friedliche Stille und nur hin und wieder war der Schrei

 eines Nachtkauzes zu hören.

"Ich habe euch zu mir gebeten, um mir zu helfen,

 wieder wahre Gefühle zu der gefühlsverwahrlosten

 Menschheit zu bringen. Seht euch um, wo ist die

 Liebe geblieben kurzfristig vielleicht wird sie

 angenommen, gehegt und gepflegt, aber nach einiger Zeit

 wird sie abgelegt wie ein Kleidungsstück, das zu kurz oder

 zu eng geworden ist. Und wer ist heute noch zufrieden?

 Jeder will mehr, vor allem mehr als der andere besitzen,

 mehr Macht und mehr Geld haben. Ja, und auch

 die Träume werden ausnahmslos analysiert und

 auf der Couch eines Psychoanalytikers breitgetreten."

 An dieser Stelle seufzte der Traum tief in seinen

 Sternenmantel und nickte zustimmend.

 

 

"Die Menschen haben das Lachen verlernt, und dabei führt

 das Lachen allein zur Liebe", ergänzte die Liebe leise

 und man merkte, daß sie leicht zu frieren begann.

 Die Zufriedenheit wischte sich ihre Nase am Zipfel

 ihrer Kleiderschürze ab und steckte die Hände

 noch tiefer in die Jackentaschen, denn ihr war

 mittlerweile auch kalt geworden. "Wir sollten

 die Adventzeit nützen", erhob die Weisheit wieder ihr Wort,

 "und versuchen, die Herzen der Menschen ein klein

 wenig zu öffnen. Wenn uns das gelingt, so ist schon

 ein entscheidender Schritt getan, unsere Welt ein wenig zu verbessern."

 "Aber verlange nicht von uns, daß wir so eine Story

 wie mit Ebenezer Scrooge spielen", meldete sich nun energisch

 der Traum zu Wort. "Diese Geschichten liebe ich nicht besonders,

 außerdem fürchte ich mich vor rasselnden Ketten."

 Mit Schaudern dachte der Traum an die Geschichte

 der zukünftigen Weihnacht, die er dem stolzen

 Ebenezer Scrooge auftischen mußte. "Keine Sorge,

 lieber Traum", sagte die Weisheit, "ich habe eine viel

 bessere Idee. Ihr macht euch jetzt auf den Weg,

 und bringt mir bis zum Heiligen Abend ein Geschenk mit,

 das den drei Grundsätzen "Liebe", "Zufriedenheit"

 und "Träumen" entspricht. Und diese Geschenke werden

 wir an diesem Abend auf der Welt verteilen. Je nachdem

 welche Geschenke ihr bringt, wird es mit der Verbesserung

 der Welt rascher oder langsamer voran gehen."

 "Welch kluge Ideen du doch immer hast", sagte die Liebe.

 "Laßt uns doch gleich beginnen, denn bis zum Heilig' Abend

 sind nur noch 24 Tage Zeit."

 "Wir treffen uns also am Heilig' Abend hier an dieser Stelle

 bei Einbruch der Dunkelheit", rief ihnen die Weisheit nach.


 
Die Zeit verging sehr schnell und der Tag des ausgemachten

 Treffens rückte immer näher. Die Weisheit hoffte sehr,

 daß die Drei solche Geschenke bringen werden,

 die auch wirklich mithelfen würden, die Welt ein kleinwenig

 zu verbessern. Endlich war es soweit - es war Heilig' Abend,

 und die Weisheit machte sich auf den Weg zum

 vereinbarten Treffpunkt. Wie erstaunt war sie, als die Liebe,

 der Traum und die Zufriedenheit schon da waren.

 "Nun, meine Lieben, was habt ihr mir mitgebracht",

 fragte die Weisheit. Der Traum trat vor und sprach:

 "Wir sind lange umhergeirrt und haben versucht,

 passende Geschenke zu finden. Es war nicht leicht.

 Doch wir hoffen, wir haben deine Aufgabe gut gelöst.

 Hier ist mein Geschenk." Der Traum hob seinen

 sternenbesetzten Mantel hoch, und hervor trat die Hoffnung.

 "Ich habe dir die Demut mitgebracht", rief die Liebe

 und sie erstrahlte bei diesem Satz in einem ganz zarten Rosa.

 "Und ich habe das Glück gefunden", sprach die Zufriedenheit,

 "es hat mir fest versprochen, uns zu helfen." Die Weisheit

 schmunzelte: "Ihr habe die einzig richtigen Geschenke gefunden.

 In unseren Träumen spiegelt sich die Hoffnung wieder,

 die Demut ist Bestandteil der Liebe und das Glück

 ist unzertrennbar mit der Zufriedenheit verbunden.

 Ihr habt ausgezeichnet gewählt. Ich bin sehr stolz auf euch.

 Denn mit der Hoffnung, dem Glück und der Demut werden

 wir die Menschen heiterer, fröhlicher und ein klein

 wenig weiser machen können." Die Liebe, die Demut,

 der Traum und die Hoffnung, die Zufriedenheit und

 das Glück nahmen sich bei den Händen und die Weisheit

 in die Mitte, und man hörte sie noch bis tief in die Nacht hinein lachen,

 singen und tanzen.